flaschenpost

Sie stand plötzlich aber nicht unerwartet vor meiner Türe. Wir hatten uns verabredet, zu einem Shooting ihrer neuen Tattoos. Ob ich am Wochenende spontan Zeit hätte, fragte sie mich am Freitag. Ein unangenehmes Gefühl machte sich damals in mir breit. Ungefähr so, wie wenn es einem bis in den Magen zieht, während man sich zu weit aus dem Fenster lehnt, obwohl man Höhenangst hat. Ich war nicht darauf vorbereitet. Aus Fotografen-Sicht und auf zwischenmenschlicher Ebene auch. Meine bisherigen Shootings waren Kinder und Verwandte. Also weit entfernt von einem Model, das vor meiner Linse posiert. Das war Neuland. Doch als sich mein Unbehagen langsam wieder legte und ich mich lockern konnte, entschied ich mich trotzdem dafür, dem Vorschlag zuzustimmen. Ein Sprung ins kalte Wasser. Einmal etwas Unüberlegtes tun, was nicht bis ins Detail geplant ist.

Es war Samstagmittag und ich lief nervös die Wohnung auf und ab, regelmäßig die Türe checkend, ob ich die Klingel vielleicht überhört hatte. Dann stand sie vor der Tür und klopfte. Erstaunlicherweise legte sich meine Anspannung, als ich ihr öffnete. Sie kam in einem langen, schwarzen Shirt mit AC/DC Aufdruck, das wie ein Kleid an ihr aussah. Die Füße steckten in Schlappen. Mehr trug sie nicht. Es war schließlich Sommer und wer keinen Platz im Schatten fand, lief Gefahr, sich einen Sonnenbrand einzufangen, der einem die Bläschen auf die Haut brannte. Wir begrüßten uns mit einer Umarmung, dann bat ich sie in die Wohnung. Ich führte sie herum und wir saßen anschließend am Wohnzimmertisch und unterhielten uns beim Kaffee. Als Warm-Up sozusagen. 

Doch noch bevor sie richtig angekommen war, ergriff ich die Initiative und schlug vor, mit dem Fotografieren zu beginnen. Rückwirkend gesehen ein Fehler. Es ist besser zu warten, bis die Anspannung sich völlig gelegt hat, um gute Bilder zu bekommen. 

Wir legten also unvorbereitet los. Alles was wir hatten, waren ein paar ausgewählte Fotos, die den Stil vorgaben, den sie sich vorstellte und die sie mir zuvor per Messenger geschickt hatte. Sie stellte sich sofort in Pose, als wäre es nicht ihr erstes Mal. Ich drückte den Auslöser, wechselte den Winkel und sie die Pose. Für eine Spontanaktion verlief das Shooting relativ fließend. Nach einer guten halben Stunde machten wir eine Pause. Sie fragte mich, ob sie draußen eine Zigarette rauchen könnte. Ich stimmte zu und wir verließen das Set vom Wohnzimmer zum Balkon. Dort unterhielten wir uns gemütlich über Gott und die Welt. Nach der Raucherpause legten wir wieder los.

Der Tag verging. In den Pausen entwickelten sich unsere Gespräche von leichtem Smalltalk hin zu tiefen Einblicken in das Privatleben. Ihr Leben ist eine Verkettung chaotischer Ereignisse. Sie nimmt es mit Humor, was eine Kunst ist, die ich bewundere. Der Gesprächsstoff schien nicht auszugehen. 

Unsere letzte Pause war dann zugleich auch das Ende des Shootings, da wir bis spät in die Nacht auf dem Balkon saßen, quatschten und die Zeit vergaßen. Sie suchte dabei immer die Nähe. Ob das nun eine zufällige Berührung war oder das Zu-Nahe-kommen, wenn sie mir etwas zeigen wollte. Ich genoss es. Erwiderte es aber nicht. Ich verhielt mich, als wäre das normal für mich. War es aber nicht. Es löste ein wohliges Gefühl aus. Diese Art von Gefühl, das man nicht mehr loslassen möchte. Und am Ende verliert man es doch. Für jemanden wie mich, ist das ein absolutes Desaster. Ein irrationaler Gemütszustand auf unabsehbare Zeit, den man nicht kontrollieren kann? Unvorstellbar. Und dennoch löste Ihre heitere Art einen Tsunami aus. Ich nahm die Welle mit. Welche andere Wahl hatte ich denn? 

Seitdem reite ich auf der Welle und bin glücklich. Wohlwissend, dass jede Welle irgendwann bricht. Ob ich Angst davor habe unterzugehen? Ja. Lohnt es sich trotzdem? Verdammt, ja! Es fühlt sich gut an. Und wenn ich abzusaufen drohe? Dann schreibe ich diesen Text auf Papier, stecke ihn in eine Flasche und übergebe sie den Wellen. Mit der Hoffnung, dass diese Nachricht sie erreicht. 

Sie ging übrigens in der frühen Morgenstunde. Gesehen habe ich sie seitdem nicht mehr. An sie gedacht dafür umso öfter. Das Chaos, das sie hinterlassen hat, habe ich mittlerweile weitestgehend wieder geordnet. Doch die Flasche steht parat. Falls die nächste Welle kommt.

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